Philosophie
Die geistige Grundlage eines menschengerechten Lebens
Unser Denken und die daraus entspringenden Handlungen sind von unserem Menschenbild geprägt, das auf die drängende Frage hin, wer oder was wir seien, mangels klarer Erkenntnis als Ausweg aus diesem Dilemma wie ein Dogma willkürlich einfach angenommen wird. Demgegenüber nehmen wir Mitmenschen als solche wahr, ohne sie definitiv nach bestimmten Kriterien als solche beschreiben zu können. Wir wissen einfach unsere Artgenossen zu erkennen, und zwar ohne irgendein wissenschaftliches Hilfsmittel. Ein merkwürdiger Gegensatz!
Kennzeichnend für den Menschen ist die menschliche Sprache. Sprachliche Begriffe sind definitiv. Wären sie es nicht, so würde eine Verständigung untereinander nicht möglich sein. Die Sprache gewöhnt uns an, das, was wir wahrnehmen, zu definieren, es also einem abgegrenzten Sinn zuzuordnen. Es ist daher nicht zu verwundern, dass der Mensch das auch mit sich selbst versucht. Doch ist das zielführend? Wohin führt es? An ein gewünschtes Ziel oder an ein ungewünschtes? Und warum tut er das überhaupt? Warum grenzt er sich selbst ein oder lässt sich von anderen Menschen auf diese Weise eingrenzen? Warum nimmt er nicht die Freiheit in Anspruch, weder sich selbst zu definieren noch sich von anderen Menschen definieren zu lassen? Sucht er in einer Selbstdefinition Sicherheit?
Wir haben eine schmerzliche Erfahrung gemacht: Jede Definition des Menschen durch den Menschen mündet früher oder später in ein repressives, totalitäres System und zieht den Verlust der Menschenwürde im Umgang der Verwaltung mit der Bevölkerung nach sich. So entstehen Verhältnisse, die ein menschengerechtes Leben sehr erschweren. Das ist historisch beobachtbar, das ist es, was sich seit geraumer Zeit in neuer Form über den gesamten Globus ausdehnt und so gut wie für jeden in irgend einer Weise erfahrbar wird.
Was ist mit einer solchen Definition im Zusammenhang mit dieser gesellschaftlichen Entwicklung gemeint? Es handelt sich um ein rein materialistisches oder auch ”naturalistisches“ Menschenbild, um die Leugnung jeder Transzendenz des menschlichen Geistes. Die sich im gesellschaftlichen Rahmen ergebenden Folgen davon belasten auf geradezu epidemische Weise große Bevölkerungsteile psychisch auf das schwerste, was in weiterer Folge auch ihre körperliche Gesundheit unaufhaltsam untergräbt.
Eine Selbstdefinition des Menschen ist immer eine Selbsttäuschung. Letztlich ist es immer der einzelne Mensch, der das mit sich selbst macht, auch dann, wenn er von mehr oder weniger wissenschaftlich auftretenden Verkündern einer naturalistisch — früher: materialistisch — bestimmten Weltanschauung überredet wird, ein solches Menschenbild anzunehmen. Man kann sagen: Der Mensch definiert sich selbst, wenn er vergessen hat, dass er ein Mensch ist. Mithin ist er viel weniger ein Opfer, als er das hinsichtlich seines eigenen Geschicks zu meinen geneigt ist.
Persönliche Freiheit ist eine Qualität im jeweiligen Menschen selbst. Wer das erkennt, öffnet damit die Tür zu ihr. Ob er sie aber dann auch durchschreitet, erweist sich als eine zweite Sache. Nicht jeder tut das, was er als richtig und wahr erkannt hat.
Der Naturalismus kennt nur eine materielle Welt, und zwar eine tote materielle Welt. Für den Naturalismus ist das Leben nur ein vorübergehendes Phänomen einer toten Welt. Das müssen wir konsequenterweise in den Fokus rücken, wenn überhaupt die Erkenntnis einer Weltbedeutung erreicht werden soll: Nach dieser Ansicht ist der Tod nicht nur das kosmische Ziel, sondern auch der Ursprung aller Existenz — und das ist ontologischer Unsinn, das heißt: Diese Ansicht enthält keinen Sinn. Ontologische Aussagen unter der Voraussetzung eines solchen Weltbildes können nicht beanspruchen, einen Sinn zu enthalten. Die Ontologie ist die Lehre über das Seiende, eben das Existierende. Jenes Geistesgut jedoch ist die Grundlage einer Definition menschlichen Wesens, von der wir hier reden. Diese Definition ermangelt wegen ihrer inneren Widersprüchlichkeit jeder Sinnstiftung und schließt damit die Möglichkeit der Erkenntnis aus; denn Erkenntnis setzt uns unserer Umwelt gegenüber in eine sinnvolle Position. Das ist der Erkennens–Vorgang, ohne den wir keine Sinnfindung erfahren können.
Anders als materialistisch kann der Mensch sich nicht selbst definieren, und wenn er das tut, setzt er voraus, dass das Universum ein geschlossenes System sei. Daraus lässt sich eben kein Sinn ableiten, und diese Auffassung versetzt uns unweigerlich in das geistige Fahrwasser existenzialistischer und nihilistischer Bedeutungslosigkeit, was eine lebensfreundliche Grundhaltung systematisch untergräbt und letztlich für den Menschen selbst so unerträglich wird, dass er sich widersetzt, kompromisslos die Konsequenzen aus einer solchen Weltanschauung zu ziehen. Wir ziehen es deshalb vor, das Universum für ein offenes System zu halten, und erkennen, nur auf dieser Grundlage ein menschengerechtes Leben finden zu können.
